Beitrag in "DIE PRESSE am Sonntag" - "Weihnachten auf Raten" von Sandra Gloning

Sandra Gloning schreibt in "DIE PRESSE am Sonntag"-Ausgabe vom 22. Dezember 2024 zum Thema Weihnachten als (erwachsenes) Kind geschiedener Eltern - und mich hat sie um Einordnungsideen gebeten:

Die Presse am Sonntag Weihnachten auf Raten geschiedene Eltern

Es ist der 24. Dezember. Während alle gemeinsam falsch „Stille Nacht“ unter dem Weihnachtsbaum singen, wird die Uhr nicht aus den Augen gelassen. Die Zeit rennt. Alles ist genau getaktet. Denn gleich gibt es nicht nur ein zweites Weihnachtsessen, sondern auch eine zweite Ladung Geschenke. Weihnachten – die Zeit der Besinnlichkeit? Für viele Scheidungskinder gleicht das Fest der Liebe eher einem Marathon aus Erwartungen, Schuldgefühlen und Stress. Denn dann gehören beide Eltern abgeklappert, entschieden, wer den Heiligen Abend und wer die Feiertage bekommt. Lara ist 28 Jahre alt und ihre Eltern sind seit elf Jahren geschieden. Das Jahr der Scheidung war auch die Zeit, als Weihnachten aufhörte, sich für sie besonders anzufühlen. „Wir hatten davor viele Traditionen, mein Papa hat gekocht, wir gingen in die Kirche, dann gab es  Bescherung.“ Heute haben beide Eltern neue Ehepartner und sie und ihr Bruder wechseln zwischen deren Häusern hin und her: „Das Fest hat keine Magie mehr für mich. Ich  fühle mich, als würde ich es für die anderen feiern.“ Laras Eltern haben sich im Guten getrennt

Junge Erwachsene mit
geschiedenen Eltern feiern oft
zwei Mal – an einem Tag.


und verbringen jedes Jahr den zweiten Weihnachtsfeiertag miteinander – neue Partner und Kinder inklusive. Ein Versuch nach der Scheidung eine gewisse Normalität für die Kinder zu behalten: „Ich bräuchte sie nicht an einem Tisch, denn was wir hatten ist nicht mehr da. Und das ist okay. Ich frage mich jedes Jahr, für wen sie diesen Brauch eigentlich beibehalten.“ Das löst bei ihr Schuldgefühle aus. Zwischen den Feiertagen ist sie bei ihrem Vater untergebracht und entscheidet sich bewusst gegen ihr  Kinderzimmer bei ihrer Mutter. Denn dieses ist mit vielen Erinnerungen verbunden. „Ich rutsche dann in eine seltsame Mischung aus Gast und Kind. Das ist komisch und ich
kann nicht richtig abschalten.“

Mit diesem Gefühl ist Lara nicht allein. Viele junge Erwachsene empfinden es so, wenn sie die Feiertage in ihrem Kinderzimmer verbringen. Sophie Helbich-Poschacher ist Einzel-, Paar- und Familientherapeutin und weiß, dass es im Kinderzimmer und elterlichen Umfeld bestimmte Gerüche, Geschirr, Bilder,  Geräusche gibt, die ganz starke Erinnerungen und Assoziationen auslösen. Plötzlich verändert sich die Haltung, man ist wieder der motzige Teenager, der dauernd mit dem
Vater im Konflikt ist und weiß nicht, woher das kommt. „Unser Gehirn holt dann die Gefühle der Kindheit wie aus einem Archiv hervor. Es ist wie eine kleine Zeitreise. Wir alle haben ein inneres Kind.“ Gerade deshalb empfinden viele Weihnachten so, wie sie es als Kind empfanden – wundervoll und magisch oder belastend und kompliziert: „Für
viele Menschen ist es deshalb hilfreich, den Partner mitzunehmen – der wirkt wie ein Anker in die Gegenwart.“

Fixpunkt Geschwister.

Moritz’ Eltern ließen sich scheiden, als er sechs Jahre alt war. Heute ist er 30 Jahre alt und verheiratet. Weihnachten verbringt er dennoch wie vor 24 Jahren. Er genießt die Atmosphäre, Erinnerungen und auch, dass er an dem Tag im Kinderzimmer im Haus seiner Mutter schläft: „Gerade weil ich so jung war, war es nie eine Frage, wie wir Weihnachten feiern. Natürlich blieben wir in unseren Kinderzimmern am Heiligen Abend.“ Und so hat es seine Familie seither beibehalten. Seinen Vater sieht er am ersten oder zweiten Weihnachtsfeiertag. Moritz’  Bruder ist zwei Jahre älter und sein Anker in dieser Zeit. Die beiden ziehen von Verwandten zu Verwandten. Dass sie das schon mit so jungen Jahren gemeinsam erlebten, hat sie zusammengeschweißt. „Wir waren unsere gegenseitigen Fixpunkte und es war immer klar: Ja, unsere Eltern hat es zerrissen, aber das hat nichts mit uns zu tun. Wir geben aufeinander Acht.“ Weihnachten haben sie bis heute noch nie getrennt gefeiert. Gerade weil in Moritz’ Fall die Fronten an Weihnachten immer so klar waren, ist es für ihn nicht kompliziert. Denn er feiert heute einfach so, wie es die Eltern vor zwei Jahrzehnten vereinbart haben. Deshalb liebt Moritz die Weihnachtszeit auch: „Es ist alles gemütlich. Ich verbinde nur positive und schöne Erinnerungen mit dem Fest.“

Familientherapeutin Helbich-Poschacher hat einen Tipp, wie die Weihnachtszeit harmonischer und stressfreier werden kann. Denn oft sind es unterschiedliche Erwartungen, die zu Konflikten führen. „Es ist eine wichtige Frage: Was bedeutet Weihnachten für mich? Ist es der kirchliche Feiertag, der lässt sich nicht verschieben. Ist es, dass die ganze Familie zusammen ist? Das kann man vielleicht am 25. machen. Sind es Kekse oder Musik? Oder vielleicht, dass das Essen perfekt ist? Wenn im Gespräch mit den Eltern aufkommt, dass allen unterschiedliche Dinge wichtig sind, dann lässt sich das Fest besser  aufdröseln.“

Was der Expertin gerade auch rund um die Feiertage wichtig ist, ist das Thema Abgrenzung. Denn ihrer Meinung nach werde das oft falsch verstanden. „Wir sprechen ganz viel darüber, Grenzen zu setzen. Dabei entsteht das Bild, man solle nichts mehr gemeinsam machen. So ist es aber nicht gemeint.“ Viel eher gehe es darum,  die Beziehung klarer zu definieren, statt den Kontakt abzubrechen. Sie rät zum Beispiel zu sagen: „Wenn du schlecht über meinen Vater sprichst, dann verlasse ich den  Raum.“ Ein weiterer Punkt, den gerade Scheidungskinder zu Weihnachten oft vergessen, ist: „Als erwachsener Mensch sorgt niemand für einen außer man Selbst. Man ist  also auch niemandem verpflichtet. Natürlich kann man auch die Wünsche der anderen hören. Aber man darf sich dabei nicht selbst vergessen.“

Nach eigenen  Vorstellungen.

Mit dieser Balance kämpfte auch Marina Jahr für Jahr. Sie empfand Weihnachten bis zur Volksschule als magische Zeit. Dann trennten sich ihre Eltern, als sie sieben Jahre alt war und inzwischen ist sie selbst Mutter. Seit der Scheidung freut sie sich vor allem, wenn die Feiertage vorbei sind. In den stressigsten Jahren hat die 33-Jährige gemeinsam mit Kind und Ehemann am Heiligen Abend drei Stationen abgeklappert: Den Vater, die Mutter und die Schwiegermutter. Oft begannen bereits im August die Gespräche darüber, wie man es in diesem Jahr organisiere. Für Marina haben diese Fragen jahrelang Weihnachten überschattet.

Abgrenzung kann helfen, das
Fest so zu gestalten, wie man
es selbst gern hätte.


Schuldgefühle und die Angst, jemanden zu enttäuschen, sind für die junge Mutter ständige Begleiter: „Ich liebe meine Familie und ich möchte, dass alle ein tolles Fest  haben. Aber ich kann gar nicht unseren Bedürfnissen als kleine Familie zu dritt nachgehen, weil sonst andere enttäuscht oder traurig sind und das halte ich schwer aus.“ Seit
einigen Jahren hat das Paar den Heiligen Abend vereinfacht – ein Jahr sind sie bei Marinas Familie, ein Jahr bei der ihres Ehemannes. Das hat alles entspannt, aber den  Stress nicht gänzlich herausgenommen. Vorfreude empfindet Marina erstmals auf Weihnachten 2025: „Wir haben uns vor Kurzem ein Haus gekauft und laden nächstes Jahr zu uns ein. Wir können dann Weihnachten selbst gestalten, unsere eigenen Rituale und Bräuche einbauen. Darauf freue ich mich wahnsinnig."